11. September 2026

«Das Handwerk ist im Kern dasselbe geblieben.» 

Die Tschudin AG feiert dieses Jahr ihr 90-Jahre-Jubiläum. In dieser langen Zeit hat die Schreinerei Krisen überstanden, technologische Umbrüche gemeistert und sich immer weiterentwickelt. Mitinhaber Bruno Grossenbacher erzählt im Interview über schwierige Anfänge, einen ungewöhnlichen Hühnerstall, Vertrauen als Grundlage des Unternehmertums und die Frage, was es braucht, um auch nach neun Jahrzehnten erfolgreich zu bleiben. 
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Bruno Grossenbacher, 1936 gründete Hermann Tschudin mitten in der Weltwirtschaftskrise eine Schreinerei. Heute sind die Herausforderungen andere. Was braucht es, damit ein Unternehmen 90 Jahre erfolgreich besteht? 
Ein Patentrezept gibt es nicht. Was wir in diesen 90 Jahren gelernt haben, ist, dass man sich nie auf dem Erreichten ausruhen darf. Die Welt verändert sich, und ein Unternehmen muss Schritt halten. Gleichzeitig gibt es Werte, die bleiben: Qualität, Verlässlichkeit und Vertrauen. Sie haben die Tschudin AG durch gute und schwierige Zeiten getragen. 

War die Ausgangslage von Hermann Tschudin tatsächlich so schwierig, wie man es sich heute vorstellt? 
Sie war alles andere als einfach. Die Weltwirtschaftskrise brachte grosse Unsicherheit mit sich, gleichzeitig veränderte die Industrialisierung das traditionelle Handwerk. Hermann Tschudin erkannte jedoch auch die Chancen dieser Zeit und entwickelte den Betrieb konsequent weiter. Schon bald zeigte sich, dass der Standort in der Basler Innenstadt den wachsenden Anforderungen nicht mehr genügte. Grössere Maschinen und eine effiziente An- und Auslieferung verlangten nach mehr Platz. Der Umzug war deshalb ein wichtiger Schritt für die weitere Entwicklung. 

Die Tschudin AG hat in 90 Jahren viele Veränderungen erlebt. Welche Haltung braucht es, um als Unternehmen damit umzugehen? 
Dazu passt für mich ein Sprichwort sehr gut: «Wenn der Wind der Veränderung weht, bauen die einen Mauern, die anderen Windmühlen.» Wir haben Veränderungen immer auch als Chance gesehen und waren offen für Neues, ohne Bewährtes einfach über Bord zu werfen. Diese Haltung hat uns stark gemacht. 

Gab es Momente, in denen sie besonders wichtig war? 
Unser Gründer hat es uns vorgemacht. In den Anfangsjahren geriet das Unternehmen in Konkurs. Für viele wäre das wohl das Ende gewesen. Hermann Tschudin gab jedoch nicht auf. Dank eines Darlehens gelang ihm der Neustart. Diese Erfahrung hat die Tschudin AG geprägt. Schwierigkeiten gehören zum Unternehmertum. Entscheidend ist, wie man damit umgeht und ob man den Mut hat, wieder nach vorne zu schauen. 

Bei diesem Neustart spielte eine bekannte Basler Persönlichkeit eine entscheidende Rolle. Wer war das? 
Paul Sacher unterstützte Hermann Tschudin mit einem zinslosen Darlehen von 8’000 Franken, was für damalige Verhältnisse eine beträchtliche Summe war. Besonders war auch die Art der Rückzahlung: Hermann Tschudin bezahlte das Darlehen nicht mit Geld zurück, sondern mit dem, was er am besten konnte, nämlich mit Schreinerarbeit. 

Einer der ersten Aufträge für Roche soll der Bau eines Hühnerstalls gewesen sein. Stimmt diese Geschichte? 
Ja. Sacher rief an und brauchte den Stall innerhalb von zwei Tagen. Für Tschudin war das kein Problem: Er lieferte pünktlich und verschaffte sich damit offenbar Respekt und Zugang zu weiteren Arbeiten für Roche. Es begann also mit Hühnerställen. Später baute Tschudin für Roche ganze Laboreinrichtungen. 

Vertrauen scheint auch deine eigene Laufbahn bei Tschudin geprägt zu haben. Du hast während deiner gesamten Karriere lediglich zwei Verträge unterschrieben. 
Der erste war mein Lehrvertrag, der zweite viele Jahre später der Kaufvertrag für das Unternehmen. Alle beruflichen Schritte dazwischen wurden per Handschlag vereinbart. Das zeigt, wie stark das gegenseitige Vertrauen war, auf dem meine langjährige Treue zum Unternehmen beruhte. 

Wenn Hermann Tschudin heute durch seinen ehemaligen Betrieb gehen würde: Was würde ihn am meisten überraschen? 
Wahrscheinlich, wie digital unser Beruf geworden ist. Früher zeichneten wir von Hand, heute planen wir dreidimensional am Computer und computergesteuerte Maschinen setzen diese Pläne millimetergenau um. Das macht unsere Arbeit präziser und effizienter. Er würde aber auch vieles wiedererkennen. Das Handwerk ist im Kern dasselbe geblieben. Es braucht Erfahrung, Materialkenntnisse, Kreativität und ein Gespür für gute Lösungen. Die Technik unterstützt uns, aber sie ersetzt weder den Schreiner noch die Leidenschaft für das Handwerk. 

Welche Möglichkeiten bietet die Digitalisierung darüber hinaus? 
Da ist das Potenzial noch längst nicht ausgeschöpft. Ein wichtiges Thema ist BIM, die digitale Planung von Gebäuden. Dadurch verändert sich auch die Zusammenarbeit mit anderen Gewerken. Informationen können früher zusammengeführt und Abläufe besser aufeinander abgestimmt werden. 

Wird künstliche Intelligenz das Schreinerhandwerk ebenfalls verändern? 
Das tut sie teilweise bereits. KI wird uns vor allem bei der Planung, in der Administration und bei Routineaufgaben unterstützen und Prozesse vereinfachen. Entscheidend bleibt aber der Mensch. Kreativität, handwerkliches Können, Erfahrung und der direkte Austausch mit den Kundinnen und Kunden lassen sich nicht durch künstliche Intelligenz ersetzen. 

Ein weiteres Zukunftsthema ist das zirkuläre Bauen. Was bedeutet das für euch konkret? 
Für uns bedeutet zirkuläres Bauen vor allem: erhalten statt ersetzen. Immer häufiger bauen wir dort, wo neues entsteht, bestehende Türen oder andere Bauteile sorgfältig aus. Nach einer gründlichen Aufbereitung bei uns in der Werkstatt werden diese wieder eingebaut. Das spart Ressourcen, reduziert Abfall und erhält wertvolle Handwerksarbeit. Dieser Ansatz passt sehr gut zu unserer Arbeit in der Denkmalpflege. Auch dort geht es darum, möglichst viel bestehende Substanz zu erhalten und Gebäude gleichzeitig an heutige Anforderungen anzupassen, zum Beispiel beim Brandschutz oder bei der Energieeffizienz. Dafür braucht es individuelle Lösungen und eine enge Zusammenarbeit mit der Denkmalpflege. 

Sind Restaurierung, Brandschutz und moderner Innenausbau inzwischen eine besondere Stärke der Tschudin AG? 
Ja, das hat sich in den vergangenen Jahren so entwickelt. Dazu beigetragen hat auch Beat Voellmy, dessen Holzmanufaktur die Restauration zu uns auf den Dreispitz gebracht hat. Zusammen mit den Lösungen des FeuerschutzTeams sind wir heute in diesen Bereichen sehr breit aufgestellt. 

Welche Herausforderungen beschäftigen euch derzeit besonders? 
Digitalisierung und KI habe ich bereits erwähnt. Auch der Fachkräftemangel beschäftigt uns. Flexible Arbeitsmodelle werden künftig sicher eine wichtige Rolle spielen, wenn wir qualifizierte Mitarbeitende gewinnen und halten wollen. Mit Sorge beobachten wir zudem die Entwicklung auf dem Dreispitz. Für einen Produktionsbetrieb wie unseren stellt sich die Frage, ob hier langfristig noch genügend Platz für Gewerbe bleibt. Gleichzeitig müssen wir uns laufend auf neue wirtschaftliche und technologische Rahmenbedingungen einstellen. 

90 Jahren Firmengeschichte: Was macht dich besonders stolz? 
Vor allem die Menschen, die bei uns arbeiten. Dass wir junge Menschen für das Schreinerhandwerk begeistern, sie ausbilden und einige von ihnen nach der Lehre bei uns bleiben, ist für mich besonders wertvoll. Deshalb investieren wir bewusst in die Ausbildung, unter anderem mit unserer eigenen Academy. Damit geben wir Wissen und handwerkliches Können an die nächste Generation weiter. Gleichzeitig entwickeln wir das Unternehmen ständig weiter, mit spannenden Projekten, engagierten Mitarbeitenden und Schritten wie der Integration von Voellmy. Die vergangenen 90 Jahre haben gezeigt: Wer neugierig bleibt und bereit ist, sich weiterzuentwickeln, schafft gute Voraussetzungen für die Zukunft.