Ein Besuch bei der Tschudin AG anlässlich der Industrienacht lohnte sich. Holzduft empfing die Besucherinnen und Besucher bereits im Eingangsbereich: Unzählige feine Holzstreifen hingen von der Decke, deren Art erraten werden konnte. Die korrekte Lösung liess sich per QR-Code überprüfen. Das war erst der Anfang eines spannenden Rundgangs. Samuel Küng, Leiter Lehrlingsakademie, erklärte, dass verschiedene Stationen einen Einblick in den gesamten Betrieb geben: «Heute Abend sieht man, wie bei uns gearbeitet wird und was wir herstellen.» Besonders eindrücklich waren die Möbel der drei EFZ-Lernenden – zwei Männer und eine Frau –, die im Rahmen ihrer individuellen praktischen Abschlussarbeit (IPA) entstanden sind und mit denen sie ihre Schreinerausbildung diesen Sommer beenden. Ausgestellt waren ein grosszügiges Eschenbett mit integrierten Nachttischen, ein Tisch mit einer raffinierten Platte aus Nussbaum, gebeizter Eiche und Epoxidharz sowie ein Beistellmöbel mit Tablaren und Rollladenverschluss. Die Lernenden planten und fertigten ihre Stücke eigenständig, vom Entwurf bis zur Montage.
Eine Station weiter präsentierte der EFZ-Lernende Julian Scherrer eine Fräse, mit der sich Schriften und Muster präzise ins Holz einarbeiten lassen. Schneidebretter wurden in Schablonen eingelegt, eine Platte mit Dominosteinen diente der Maschine zur Orientierung. Julian Scherrer ist überzeugt von seiner Berufswahl: «Die Lehre ist sehr abwechslungsreich. Man arbeitet mit den Händen, aber auch mit moderner Technik.» Dass mehrere Lernende gemeinsam in der hauseigenen Lehrlingsakademie ausgebildet werden, sieht er als Vorteil: «Man tauscht sich aus und lernt voneinander.»
Zwischen Handwerk und Hightech
Am Hobelstand entstanden kleine Duftsäckchen für den Kleiderschrank oder das Auto. Besucherinnen und Besucher durften aus Arven- und Zedernholz feine Späne hobeln, sie in Stoffbeutel füllen und ihr eigenes Produkt mit nach Hause nehmen. Wie es geht, zeigte Jan Hofer, Lernender EFZ im 3. Lehrjahr. Er findet die Industrienacht eine gute Sache: «Man bekommt nie einen derart detaillierten Einblick in eine Schreinerei, wie heute Abend. Gerade für junge Menschen ist dieser unkomplizierte Zugang entscheidend.»
Wie stark sich das Handwerk verändert hat, zeigte die Station zur digitalen Massaufnahme. Projektleiter Mirza Pezerovic erklärte, wie heute mit 3D-Distanzlasern gearbeitet wird. Wo früher Massband und Skizze zum Einsatz kamen, entsteht heute mit dem 3D-Distanzlaser direkt vor Ort ein präzises digitales Abbild. Das funktioniert auch bei gerundeten Wänden, schrägen Flächen oder Details wie Steckdosen. Die Daten fliessen direkt ins CAD-System und die Bauteile werden passgenau gefertigt. Dadurch entfallen die Nacharbeiten auf der Baustelle. Ergänzt wird diese Methode durch die sogenannte Punktewolke, die am Stand nebenan erklärt wurde: Millionen von Messpunkten bilden einen Raum exakt digital ab und dienen als Grundlage für Planung und Produktion.
Reparieren lohnt sich
Auf grosses Interesse beim Publikum stiessen auch die Holzmanufaktur mit der Antikschreinerei sowie der Schreiner-Service. In der Holzmanufaktur entstehen individuelle Möbel und Innenausbauten. Das sind oft Einzelstücke mit hohem gestalterischem Anspruch. Die Antikschreinerei widmet sich der fachgerechten Restaurierung und dem Erhalt bestehender Möbel, bei denen handwerkliches Können und Materialkenntnis entscheidend sind. Beim Schreiner-Service wurde gezeigt, dass sich auch Reparaturen lohnen. Die Station stand unter dem Motto «Tipps, Tricks, Fragen und Antworten». Besucherinnen und Besucher konnten selbst Hand anlegen: Einen Sockel mit der Wasserwaage ausrichten, Beschläge einer Eingangstüre montieren und demontieren oder Möbelbänder und Fronten einstellen. Zudem gab es eine kurze Materialkunde zu den gängigsten Holzwerkstoffen.
Ein Highlight des Abends war der Einblick in den Flugzeuginnenausbau. Hier werden äusserst leichte, aber stabile Sandwichmaterialien mit Wabenkern, etwa aus Nomex oder Aluminium, verarbeitet. Sie reduzieren das Gewicht und damit den Treibstoffverbrauch und erfüllen gleichzeitig höchste Anforderungen an Brandschutz und Stabilität. Ein Blick in eine Welt, die weit von der klassischen Schreinerei entfernt scheint und zeigt, wie vielseitig dieses Handwerk ist.
